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Der Haken bei studentischen Verbindungen

Falsch verbunden – Der Haken bei studentischen Verbindungen

„Mitbewohner gesucht! Voraussetzungen: Männlich-Christlich-Student“

Bei der auf dem Heidelberger Wohnungsmarkt bekanntlich ermüdenden Suche nach dem perfekten Zimmer in der Traum-WG trifft man öfters auf solche oder ähnliche Annoncen von Verbindungen, Burschenschaften und Corps. Doch was steckt hinter diesen Annoncen? Günstige Mieten, geselliges Beisammensein und der Eintritt in eine Welt voller wertvoller „Connections“ in die Chefetagen der Wirtschaft oder hat die Sache auch einen Haken?

 

Studentenverbindungen erscheinen eigentlich als anachronistische Vereine: Band und Mütze, Narben im Gesicht und Alte Herren (ehemalige Verbindungsstudenten) muten an, wie Erscheinungen aus vergangenen Tagen. Doch studentische Verbindungen (Korporationen) sind bis heute in fast jeder deutschen Universitätsstadt verbreitet und schaffen es weiterhin, Nachwuchs anzuwerben. Billiges Wohnen, Karrierechancen, „Kameradschaft“, Tradition und oftmals das konservative Weltbild locken bis heute Studenten in die Verbindungshäuser. Derzeit sind in Deutschland etwa 20.000 Studenten (und wenige Studentinnen) in ungefähr 1000 Verbindungen zusammengeschlossen. Dazu kommen 150.000 Alte Herren, die das organisatorische und vor allem finanzielle Rückgrat der Verbindungen stellen.

Negative Schlagzeilen machen die Korporationen, wenn wieder einmal eine Verbindung als rechtsextrem auffällt. Bekanntestes Beispiel der letzten Zeit war die Münchener Burschenschaft Danubia, die 2001 die Spalten der überregionalen Presse füllte. Ein Mitglied der Verbindung hatte einen Neonazi im Haus der Verbindung versteckt, nachdem dieser einen Mann aus rassistischen Gründen fast tot geprügelt hatte. Meist äußert sich das rechtsextreme Gedankengut allerdings weit weniger spektakulär als im Münchener Fall: Vorträge von bekannten Neofaschisten oder eigene Publikationen der Verbindungen machen das Weltbild oftmals mehr als deutlich.

Auch in Heidelberg kam es zu einem traurigen Vorfall. Im Jahr 2000 verteilte die Aktivitas der Normannia in Couleur neonazistische Flugblätter in der Heidelberger Fußgängerzone, in denen gegen das „jüdische Finanzkapital“ gehetzt wurde. Auch wenn viele Verbindungen sich nach außen liberal geben, teilweise Ausländer aufnehmen, getrunken und gefeiert wird auch mit rechtsextremen Burschenschaften.

Die erste eigene Studentenbude, weit weg von den Eltern und allen Regeln und man selbst entscheidet, wie der Lebensalltag aussieht. Normalerweise ist das Studium doch mit einem Zugewinn an Freiheit und Mündigkeit verbunden! In Verbindungen bleibt von dieser Freiheit nicht viel übrig. In den hierarchischen Strukturen steht man anfangs ganz unten, wird herumkommandiert und zum Trinken gezwungen. Freiheit und Mündigkeit sieht anders aus.

Klares Ziel der Korporationen ist es, zukünftige Eliten heranzubilden und die Verbandsbrüder durch das nötige Vitamin B in führende Positionen in Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Gesellschaft zu bringen. Der ehemalige Bundesinnenminister Manfred Kanther (CDU), Mitglied einer Marburger Verbindung, brachte diesen Grundsatz auf den Punkt, als er die Aufgabe seiner Verbindung damit beschrieb, „auch weiterhin national gesinnte Menschen in alle führenden Berufe unserer Gesellschaft zu entsenden.“

Außer Wohnungsannoncen und traurigen Schlagzeilen treten Verbindungen auch mit Parties an die anderen Studierenden heran. Auch Frauen dürfen dann „das Haus“ betreten. Von den günstigen Mieten und der Vernetzung mit den Chefetagen der Wirtschaft dürfen die Frauen nicht profitieren. Doch bei Partys im eleganten Abendkleid sind sie dann plötzlich erwünscht. Ob Frau dieses Spiel wirklich mitspielen sollte?

Verbindungen waren die ersten Formen studentischen Gemeinschaftslebens. Mittlerweile sind sie überholt. Hierarchischen Strukturen, rechtsextremes Gedankengut und Sexismus sind kaum ein geeignetes Umfeld, um ins Studentenleben zu starten. Für die eigene freie Entfaltung der Persönlichkeit ist man hier falsch verbunden.

 

Quellen und weitere Infos:

http://www.fzs.de (Freier Zusammenschluss von StudentInnenschaften)

http://www.autonomes-zentrum.org/ai/ (Antifaschistische Initiative mit einem Überblick über die Verbindungen in Heidelberg)

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Diskussionen

2 Gedanken zu “Der Haken bei studentischen Verbindungen

  1. Dem Text merkt man leider an, dass keine intensive Auseinandersetzung mit der Verbindungslandschaft erfolgt ist. Vergessen wurde der Zweig an Studentenverbindungen, der sich eben im Laufe der Zeit aus Protest gegen die alt-tradierten Burschenschaften und Corps gebildet hat, in denen Wertevermittlung, Austausch auf internationaler Ebene etc. an höchster Stelle stehen. Wieso werden denn immer alle Verbindungen radikal zusammengepanscht? Statt vielleicht einmal das Gespräch mit Vertretern der „liberalen“ Zweige zu suchen, und gemeinsam gegen tradierte Verbindungen und rechtsextremistisches Gedankengut vorzugehen? Dass es auch gemischte Verbindungen oder Damenverbindungen gibt, scheint leider immer noch nicht angekommen zu sein. Schade, gerade von Juristen hätte ich mir ein weitaus differenzierteres Bild gewünscht. Ihr macht es euch wirklich ziemlich einfach. Seht dies vielleicht einfach als Ansporn, die Auseinandersetzung zu suchen, und nicht zu urteilen, ohne den Sachverhalt ausgeschöpft zu haben. 😉

    Verfasst von Lynn | 18. Oktober 2011, 14:20
    • @Lynn: Besser hätte ich es nicht ausdrücken können. Zumal es dem AKJ als kritischen Menschen durchaus gut tun würde sich ein Bild aus mehreren Quellen (die Aufgelisteten repräsentieren ja nur eine Sicht, die sich dazu stark beschränkt) zu machen. Schließlich kann erst ein dialektischer Diskurs Erkenntnis bringen.

      Verfasst von Stephan | 26. Juli 2012, 00:40

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